Dekliniere mir Wasser
2006-01-27
Das internationale Renommee Fang Lijuns zeigt sich an seiner Präsenz in bedeutenden Sammlungen wie der des Schweizers Uli Sigg, der Sammlung Erika Hoffmann-Koenige, der Flick Collection und dem MoMA New York und die Auflistung von Fangs Ausstellungen in und außerhalb Chinas wäre ermüdend lang.
Zunächst mochte man skeptisch sein, sich die zum Teil sehr großformatigen Arbeiten des 1963 geborenen chinesischen Künstlers in den quantitativ recht begrenzten Räumlichkeiten des Berliner Kupferstichkabinetts vorzustellen. Jedoch ist es dem Leiter des Kupferstichkabinetts, Hein-Thomas Schulze Altcappenberg, dem Kurator Andreas Schalhorn und seinem Mitarbeiter Jasper Kettner gelungen, die Auswahl von Tuschearbeiten, Ölmalereien, Holzschnitten und einer Skulptureninstallation in einem überzeugenden Spannungsbogen zu inszenieren.
Legt auch die von Fang Lijun seit den 1990er Jahren gewählte Betitelung seiner Werke mit einem konkreten Datum eine tagebuchartige Lesart nahe, so hat doch jede Arbeit eine überzeitliche und Ländergrenzen überschreitende Bildaussage. Es gehe ihm nicht um konkrete politische Ereignisse, nicht um eine Botschaft, nicht um Gesellschaftskritik, erläutert Fang Lijun auf der Pressekonferenz. Deshalb erscheine ihm die Vereinnahmung durch den Begriff „Zynischer Realismus“ auch als zu kurz gegriffen. Als „zynisch“ charakterisierte der chinesische Kunstkritiker Li Xianting die Haltung vieler chinesischer Künstler nach dem Trauma des Tiananmen-Massakers 1989. Die massive Gewalt, mit der die Regierung gegen Demonstranten vorging, die glaubten, ein neues China mitgestalten zu können, veränderte die Ausgangslage der chinesischen Kunstszene radikal. Viele Künstler verließen desillusioniert das Land. In und außerhalb Chinas galt es, eine künstlerische Ausdrucksform zu finden, die der emotionalen Gemengelage aus lähmender Resignation und ungemeiner Wut gerecht wurde.
Vielleicht ist eine poetische Grundhaltung bei der Begegnung mit den Bildern Fang Lijuns produktiver als der Versuch, sie auf ein Label zu reduzieren; widersetzen sie sich doch in ihrem formal-stoischen Charakter jeder Subsumierung unter eine schmissige Schlagzeile. Der hohe Wiedererkennungswert thematischer Kontinua – wie zum Beispiel der männliche Glatzkopf, wellenförmig zusammengedrängte Menschenmengen oder die immer wiederkehrenden Wasserflächen – verführen im Katalog eventuell zum Weiterblättern. Vor dem Original fesselt jedes Bild durch die mit psychologischer Genauigkeit erfasste Dynamik einer bestimmten Situationskonstellation. Die lichte und ruhige Atmosphäre des Ausstellungsraumes ermöglicht eine kontemplative Rezeption konzentriert ins Bild überführter Lebenswirklichkeiten.
Sicherlich sind Themen wie „Masse und Macht“, uniformierende Kleidung im Zeichen des Kommunismus oder Buddhismus typisch chinesisch. Doch spätestens in den Bildern der „Schwimmenden“ schwindet diese kulturelle Distanz. Der Facettenreichtum der Flächengestaltung reicht von sanften Übergängen der Tusche in Grautönen, den Wellenformationen in Königsblau und Violett bis zu den ins Material geritzten Linien des Holzschnitts. In jedem Bild erreicht der Künstler eine atmosphärische Neudefinition des Bildraums. In ähnlich thematischer Breite präsentiert uns Fang die Menschen in der Sphäre des Wassers. Neben Bildern, die bedrohliche Situationen zeigen, spricht der Künstler den schwimmenden Menschen das zu, was ansonsten scheinbar unmöglich ist: fließende Bewegungen und entspannte Gesichter. Die Aufmerksamkeit gilt keinem Außen, sondern ist nach innen gerichtet. Hier schwinden die harten Konturen, die sonst durchgängig die Menschen gegeneinander und gegen ihre Umgebung abgrenzen. Sie weichen einem symbiotischen Ineinanderfließen.
Fang Lijun ist ein großer Bewunderer westlicher Künstler wie Edvard Munch, Goya und Caspar David Friedrich. Mit der jahrhundertealten chinesischen Tradition des Holzschnitts verbindet sich die Neubelebung dieser Technik durch die Käthe-Kollwitz-Rezeption im Shanghai der 1930er Jahre. Der Schriftsteller Lu Xun sah in der expressiven Formensprache der deutschen Anti-Kriegsschnitte ein inspirierendes Medium, um der eigenen Misere künstlerisch Ausdruck zu verleihen und zeigte seinen Holzschnitt-Schülern in diesem Sinne Kollwitz-Bilder. Fang Lijun leistet mit seinen Arbeiten eine weitere Aktualisierung dieser originär chinesischen Technik. Doch ebenso, wie der höchst authentische Charakter dieser Arbeiten jeden Unkenruf verhöhnt, Fangs Bilder verdankten sich westlichen Vorbildern oder seien gar für den westlichen Geschmack produziert, so absurd erscheint es, die aufs Meer blickenden Glatzköpfe der notwendigen Inspiration eines Friedrich zuzuschreiben. Eher könnte man da von interkontinentalen Gesinnungsgenossenschaften sprechen.
Die feierliche Stimmung während der Eröffnung der Berliner Ausstellung hatte noch einen weiteren Grund– gilt es mit der Schau doch auch, der Sammlerin Erika Hoffmann-Koenige für Ihre wichtige Arbeit als Vorsitzende der Graphischen Gesellschaft zu Berlin den Dank auszusprechen. Einige der gezeigten Werke stammen aus ihrem Besitz.
Noch bis zum 17. April 2006 im Kupferstichkabinett, Matthäikirchplatz 8, 10785 Berlin.















