Vor mir und hinter mir: Ich, Ich, Ich

Eikon Heft Nr. 72, Winter 2010

Miao Xiaochun – Macromania im Ludwig Museum, Koblenz

Die lebensgroße Fiberglasfigur eines klassischen konfuzianischen Gelehrten sitzt mit einer Familie an einem gedeckten Tisch. Sie trägt unverkennbar die Gesichtszüge des Künstlers Miao Xiaochun (*1964 in Wuxi, China). Titel und Datum der Schwarzweiß-Fotografie As a Guest of a German Familie (1999) artikulieren sein Fremdheitsgefühl während des Studiums an der Kunsthochschule Kassel (1995-1999), aber auch seine Teilhabe am deutschen Alltag. Danach kehrt Miao Xiaochun nach Peking zurück.

Bis 2004 begleiten wir sein gelehrtes Alter Ego in seinen Fotoserien durch die verschiedensten Alltagssituationen in West und Ost. Denn, so erklärt Miao Xiaochun im Interview, seine Zeit im Ausland habe ihm China so fremd werden lassen, dass er sich auch dort wie ein Gast aus einer anderen Zeit fühlte.

Mit den Möglichkeiten der Digitaltechnik gelingt es Miao Xiaochun ab 2002 auch formal, das Phänomen der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen sichtbar zu machen. So sind seine groß- und zum Teil bildrollenformatigen, multiperspektivischen Fotoarbeiten nicht selten Montagen aus mehreren Dutzend Einzelaufnahmen. Passagen des Bildhintergrunds werden deutlich konturiert, Details im Bildvordergrund hingegen so weit verkleinert, dass sie relevante Szenen im Mittelgrund nicht verdecken. Eine zentralperspektivische Sicherheit, die dem Betrachter einen eindeutigen Standort zuteilt, wird verweigert. Durch modernste Technik erreicht Miao Xiaochun somit, dass die Fotografie in ihrer Wirkung zu einem der klassischen chinesischen Landschaftsmalerei äquivalenten Medium avanciert.

Werkchronologisch betrachtet, startet Macromania als erste Überblicksausstellung von Miao Xiaochun in Deutschland mit der Digitalfotografie Celebration (2004). Vogelperspektivisch schauen wir auf eine Menschenmenge, die sich ameisenartig zwischen gerade fertiggestellten Glasfassaden-Hochhäusern zusammendrängt. Technisch funktioniert auch diese Arbeit wie eine chinesische Landschaftsmalerei.

Die Ausstellung Macromania präsentiert Miao Xiaochun mit der Panorama-Fotografie Beijing Index (2007–2009) als Chronisten des urbanen China und mit der digitalen Tusche-Zeichnung Beijing Hand Scroll (2007–2009) als medialen Transformer. Vor allem aber wird er als Kenner europäischer Klassiker vorgestellt.

Technisch mit allen Neuerungen der 3D-Animation vertraut, überwindet der Künstler mühelos die Grenzen zwischen westlicher und östlicher Kunst. Seine erste, gänzlich im virtuellen Raum angesiedelte Fotoserie Last Judgement in Cyberspace (2005) und der dazugehörige 3D-Film Where will I go? lassen es schlüssig erscheinen, dass er zur Form der visuellen Ich-Erzählung zurückkehrt. So besetzt er kurzerhand die nahezu 400 Protagonisten aus Michelangelos gleichnamigem Fresko mit einer ihm nachempfundenen nackten Figur.

Im eigentlichen Sinne sei diese Arbeit ein Selbstgespräch, so der Künstler, eine Reflexion über das Missverhältnis von göttlicher Macht und menschlicher Ohnmacht. Die Argumentation überzeugt inhaltlich, ästhetisch wirkt das silbrig-graue Szenario aseptisch.

Der Ausstellungstitel Macromania betont Miao Xiaochuns bereits 2005 vollzogene künstlerische Neuausrichtung. Nicht gerade zögerlich erobert das Heer seiner 3D-Alter Egos in Microcosm (Polyptichon und C-Prints, 2008–2009) Hieronymus Boschs Tryptichon Garten der Lüste. Erweitert wird das Bildpersonal durch einen Roboter-Adam und Eva in Gestalt der Venus von Milo. Miao Xiaochuns neuester 3D-Film Restart visualisiert seine Invasion europäischer Klassiker etwa von Bruegel, Raffael und Caspar David Friedrich.

Vielleicht richtet sich Macromania an eine andere Zielgruppe von Betrachtern als seine früheren Werke. Vielleicht liegt es aber auch schlicht an dem Übermaß an ‚Ich‘, dass diese Ausstellung einmal mehr für die klassischen Originale einnimmt.

Miao Xiaochun – Macromania im Ludwig Museum, Koblenz, 15. August – 3. Oktober 2010


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