Who’s afraid of green light?
Li Hui schafft Skulpturen und Installationen des Übergangs ( en )

Young Chinese Artists, The Next Generation, Prestel Verlag, 2008-9

Es gibt Kunstwerke, die in den Bann ziehen, bevor man sie verstanden hat, die etwas sichtbar machen, was intuitiv bereits vertraut ist. Der in Peking lebende Künstler Li Hui (geboren 1977) entzieht sich nicht nur in seiner Werkpalette jeder Kategorisierung, seine künstlerische Formensprache macht zunächst auch nicht ersichtlich, dass er aus China kommt.

Li Huis oftmals raumgreifende Skulpturen und Installationen arbeiten mit Materialien wie Stahl und Holz oder nutzen Laser und LED-Licht, um traumähnliche oder dramatisch aufgeladene Environments zu inszenieren. Zerberstende Schiffe schweben über den Köpfen der Besucher. Rot-gleißendes Licht ergießt sich über ein Bett. Ein urzeitliches Skelett ruht in einer Hülle aus Plexiglas. Und was bringt uns dazu, zurückzuschrecken vor einem Käfig aus grünen Laserstrahlen?

Als Abschlussarbeit an der Pekinger Central Academy of Fine Arts entsteht Renewing Jeep (2005), ein Fahrzeug aus zwei in der Mitte zusammen geschweißten Vorderteilen eines Jeeps. „Im Rückblick auf mein Studium stellte ich fest, dass wir in Bezug auf die künstlerischen Techniken westlich, inhaltlich und auch geistig aber in der östlichen Tradition unterrichtet worden waren. Dieses für das heutige China typische Phänomen will ich in meinen Arbeiten sichtbar machen.“ Renewing Jeep materialisiert die Frage nach dem ‚richtigen Weg’ und hebt gleichzeitig das Gegensatzverhältnis zwischen ‚vorwärts’ und ‚rückwärts’ auf. Li Hui setzt somit eine traditionell-östliche Grundhaltung wie sie sowohl für den Buddhismus als auch den Daoismus signifikant ist, aktualisierend in Szene: die Bewegung an sich wird zum Ziel.

Welche Sprengkraft das Spannungsverhältnis von Tradition und Moderne oder, anders formuliert, das Zusammentreffen westlicher und östlicher Wertesphären hat, zeigt Li Hui in Change (2006). Mit gnadenloser Wucht rammt sich eine Stahlfläche in den Korpus eines einfachen Holzbootes. Splitter fliegen durch die Luft, die Ruder büßen ihre ursprüngliche Funktion ein. In Gu Zheng (2006) ist das Objekt eines solchen zerstörerischen Aktes ein traditionelles chinesisches Saiteninstrument.

So gewaltig diese Ablösungs- und Verschmelzungsprozesse auch von Li Hui dargestellt werden, gleichzeitig zeichnet diese und viele andere seiner Werke eine unleugbare ästhetische Anziehungskraft aus. Eindrücklichstes Beispiel dafür, dass Schrecken und Leid aufscheinen in einer traumartigen Inszenierung, ist sicherlich das in rotes Laserlicht und Nebel getauchte Unfallauto untitled (2007). „Der Wagen wurde wirklich bei einem Unfall so zugerichtet. Ich will durch diese Installation das Erlebnis der involvierten Menschen sichtbar machen. Nebel entweicht dem zerstörten Wagen und löst sich in Luft auf, vergleichbar den Seelen der Verunglückten.“

Auch in Reincarnation (2007) macht Li Hui Unsichtbares und oftmals Unsagbares sichtbar, indem er ein Bett mit rotem Laserlicht überströmt: Träume – Alpträume? Liebesglück-Todesangst? Erholung – Erschöpfung?. Was sprachlich zu Gegensatzkonstellationen führt, wird in der Kunst als ein Bild visualisierbar. Die glanzvoll-verzaubernde Optik der beiden Werke sei allerdings nicht direkt angedacht gewesen: „In der chinesischen Philosophie ist die Wandlung von etwas Negativem in etwas Positives fest verwurzelt. Vielleicht habe ich das unbewusst in diesen Werken umgesetzt. Ich kann es selbst nicht sagen.“

In der Amber-Serie (2006) schichtet Li Hui zahlreiche Acrylplatten übereinander. Durch Hohlräume im Inneren der Flächen entstehen weiße skelettartige Strukturen eines Tieres. Die äußere Form gleicht der Künstler derjenigen eines Rennwagens an und illuminiert die Skulptur mit blauem LED-Licht. Bewahrt der im Titel angespielte Bernstein pflanzliche oder tierische Relikte vor der Vergänglichkeit, so wird in Amber ein Sinnbild der Beschleunigung zur konservierenden Hülle eines für den Laien in seiner Art und seinem Alter nicht näher zu bestimmenden Tieres.

Li Hui schafft mit den Amber-Skulpturen einen konzentrierten Ausdruck für das chinesische Verständnis von Geschichte als Kontinuum. In jedem Lebewesen aber auch in den Dingen ist somit die Vergangenheit – gedacht als Reflexionsraum von mehr als 3000 Jahren – aufgehoben. In Chinas Metropolen drängt sich zudem noch eine weitere Deutungsvariante auf: Wird nicht der Mensch selbst, sei es als gewollter oder ungewollter Teil eines derart beschleunigten Modernisierungsprozesses, zu einer Art Fossil?

Li Hui artikuliert philosophische Überlegungen mit Hilfe modernster Technik. Das Resultat umgibt eine nahezu poetische Aura. In den Lichtinstallationen Cage und Door (2006) geht es gar um die existentielle Erfahrung von Freiheit und Unfreiheit. Indem der Künstler einen vom Ausstellungsbesucher begehbaren Käfig aus grünem und ein Tor aus rotem Laserlicht evoziert, steht gleichsam immateriell die Frage im Raum, welche Zwänge und Handlungsrestriktionen sich der Einzelne freiwillig auferlegt, welche im vorauseilenden Gehorsam akzeptiert werden und welche real bestehen. Wie virulent diese Reflexion ist, zeigt die Reaktion der Besucher: sie schrecken nicht selten vor den virtuellen Grenzen ihrer Bewegungsfreiheit zurück.


Das Interview mit dem Künstler fand im April 2008 in Peking statt. Ich danke Zhao Chong für seine Übersetzung und Beratung.

In: Young Chinese Artists. The Next Generation, herausgegeben von Christoph Noe, Xenia Piëch und Cordelia Steiner.
September 2008
Sprache: englisch
296 Seiten
310 farbige Abbildungen

Besprechung des Buches auf der Website des Goethe-Institutes

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