Wir sind die anderen
Das Künstlerteam Ta Men (They) wirft einen skeptischen Blick auf das gegenwärtige China ( en )

Young Chinese Artists, The Next Generation, Prestel Verlag, 2008-9

In einem rar möblierten Zimmer mit großer Fensterfront inszeniert das Pekinger Künstlerteam Ta Men seit 2005 hysterisch überzeichnete Großstadt-Szenarien. Ob in Peking, Shanghai oder Hong-Kong angesiedelt; ob in Öl auf Leinwand oder mit den Mitteln der digital bearbeiteten Fotografie: die Diagnose, die Ta Men (They) über die Verfasstheit der neuen chinesischen Wohlstandsgesellschaft stellt, fällt wenig zuversichtlich aus. Das Themenspektrum reicht von der Melancholie des einsamen Metropolenbewohners über Konsumverwahrlosung, Prostitution und Folter bis hin zu dem Wunsch nach einem harmonischen Zusammenspiel von Mensch und Natur.

Zunächst starteten Lai Shengyu (geboren 1978), Yang Xiaogang (geboren 1979) zusammen mit Chen Li (geboren 1973) unter dem Namen Ta Men, seit 2006 arbeiten sie als Duo: „Wir heißen ‚Sie’ im Sinne von ‚die Anderen’, weil im Zentrum unserer Arbeit nicht unsere persönlichen Geschichten stehen sollen. Unsere Bilder halten dem gegenwärtigen China den Spiegel vor. In diesem Spiegel soll aber nicht bloß die Oberfläche der Realität gezeigt werden, vielmehr geht es uns um die psychischen Auswirkungen von Chinas rasanter Modernisierung auf die hier lebenden Menschen.“

Bevor sie ein Bild malen, diskutieren die beiden Künstler zunächst das Thema und dann das Setting der darzustellenden Szene. Anschließend wird entschieden, wer welche Teile des Bildes malt. Der jeweils andere hätte aber immer das Recht etwas zu verändern oder zu ergänzen, so die Künstler. „Uns geht es um eine neue Form des Kollektiven. Das hat nichts mehr zu tun mit der zwangsverordneten Hörigkeit, wie sie z. B. in der Kulturrevolution vom Einzelnen gefordert wurde. Für unsere Generation ist das Vergangenheit. Wir wollen eine freiwillig gewählte Symbiose aus Individualismus und Kollektivgeist.“

Neben der Malerei arbeiten Ta Men mit digital bearbeiteter Fotografie. Mit Freunden arrangierte Szenen werden am Computer mit fantastischen Elementen angereichert. Wichtig ist Ta Men bei diesem Medienwechsel der unterschiedliche Grad des Virtuellen. So fallen in den gemalten Bildern die Schwenks in Chinas Vergangenheit und Zukunft auf, während in den Fotoarbeiten eher der ‚Wahnsinn des Alltags’ regiert.

In Bildern und Fotos gibt es ein ähnliches Grundarrangement, nämlich einen Raum mit aseptischer Neubauästhetik in dem zwei Tischreihen und ein Regal mit laufendem Fernseher stehen. Links bietet eine riesige Fensterfront einen freien Blick auf eine von Bild zu Bild wechselnde Landschaft. In einigen Bildern wird die zwischen Innen- und Außenraum trennende Wand mehr oder weniger eingerissen. Inspiration zu dieser ‚Bühnen-Kulisse’ war Ta Mens Begeisterung für René Magritte (The Listening Room, 1952) und Edward Hopper (Sunlight in a Cafeteria, 1958). Beide Maler arbeiten – wie nun auch Ta Men – mit einer Innen- und Außenraum-Dialektik. Auch der Symbolismus des ersteren und die Darstellung vereinsamter Städter bei Hopper finden in Ta Mens Bildern ihren Widerhall.

Was sofort auffällt, ist die Beziehungslosigkeit der Personen, die die Szene bevölkern. In unprätentiös realistischem Stil – durchgängig mit Pinseln der Stärke Null gemalt – fügen die Künstler sie in die Bildkulisse. Nahezu autistisch und Staffagefiguren gleich nehmen sie den ihnen zugewiesenen Platz ein. Ta Men macht hier unmissverständlich deutlich, dass es sich bei dem Bildpersonal um Rollenträger handelt, nicht um reale Personen. Ein wiederkehrendes Motiv ist eine zumeist männliche Person, die dem Betrachter den Rücken zuwendet. „Die Rückenfigur bringt unsere Beobachterposition, aber auch uns als Regisseure der Szene ins Bild. In zweiter Instanz verkörpert sie den Betrachter.“ Ta Mens Kunst wird somit zur Projektions- und Reflexionsfläche.

„Wir wollen in unseren Arbeiten soziale Probleme diskutieren. Kunst muss nach unserem Verständnis dem realen Leben einen Schritt voraus sein. Deshalb greifen wir teilweise zu sehr drastischen Ausdrucksmitteln, um die Konsequenzen der derzeitigen Lebensweise sichtbar zu machen.“

Während das deprimierende bis alptraumhafte Szenario häufig im Innenraum angesiedelt ist und der Blick nach draußen zumeist Stadt- oder Naturlandschaften zeigt, erstreckt sich in Freedom Leading Demos (2005) ein blutroter Himmel über den Köpfen einer blutüberströmten Menschenmenge. Der Fernseher zeigt bezeichnenderweise ein gestörtes Flimmern. Die Message dieser Arbeit ist unschwer zu verstehen.

Kritisiert Ta Men in Freedom Leading Demos (2005) eindeutig auf politischer Ebene, so ist der Fokus der meisten Bilder eher gesellschaftskritisch. Schlicht ekelerregend ist das Szenario von Eating Snakes (2005). Inmitten eines heillosen Durcheinanders sehen wir zwei Schlangen verzehrende Frauen. Überall fliegen Geldscheine herum, Schlangen erobern die Möbelstücke, Kakerlaken krabbeln die Wand entlang. Nicht näher zu bestimmende Frauenköpfe und eine Gummipuppe lassen auf andere Gelüste schließen. Ein krasseres Zeugnis des moralischen Verfalls ist wohl kaum denkbar.

Mit nicht weniger deutlichem Gestus visualisieren Ta Men das wohl bezeichnendste Charakteristikum chinesischer Metropolen: die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Da landen die Masken der Peking-Oper in einer Spielbank, steht der Feuertopf neben dem Mc Donalds-Menü, hängt eine traditionelle Landschaftsmalerei an der Wand, während wir draußen das Olympiastadium sehen. Westliche Statussymbole und folkloristischer Kitsch werden zu zwei Seiten einer Medaille, die chinesische Gegenwart heißt.

Ta Mens Bilder lassen sich dekodieren wie klassische Stilleben, allerdings sind die meisten Symbole dem Katalog der Alltäglichkeit entnommen. Indem sie die Szenen in einem quasiöffentlichen Raum ansiedeln und mit Verweisungssystemen wie dem Fernseher, Statussymbole, bekannte Persönlichkeiten und Kunstwerke anreichern, machen sie die Trennung zwischen Privatsphäre und Gesellschaft durchlässig. Was draußen passiert, wirkt auf den Einzelnen, und der Einzelne ist durchaus aktiv an gesellschaftlichen Entwicklungen beteiligt. Die Bilder, in denen die Wände des Raumes teilweise eingerissen sind, machen diese Wechselwirkung noch deutlicher.

Eines der letzten Werke von Ta Men zeigt eine Vision: jenseits der nahezu gänzlich verschwundenen Mauern erstreckt sich eine grüne, hügelige Landschaft, in der sich die Häuser der Menschen harmonisch einfügen. Geträumt kurz vor der Fertigstellung des CCTV-Towers in Beijing.


Das Interview mit den Künstlern fand im April 2008 in Peking statt. Ich danke Zhao Chong für seine Übersetzung und Beratung.

In: Young Chinese Artists. The Next Generation, herausgegeben von Christoph Noe, Xenia Piëch und Cordelia Steiner.
September 2008
Sprache: englisch
296 Seiten
310 farbige Abbildungen

Besprechung des Buches auf der Website des Goethe-Institutes

The Ministry of Art